Warum wir ein Waldkind haben

Waldkindergarten.

Unser Sohn geht seit Juni in den Waldkindergarten. Das war nicht von Anfang an der Plan. Ich selbst bin wohl immer gerne in den Kindergarten gegangen und ich habe dieses Konzept nie hinterfragt. Ich habe damit gerechnet, dass mein Sohn sich freuen wird, dort zu sein, dass er es anregend findet und sich schnell einlebt. Dem war aber nicht so. Vielleicht war auch das Datum der Eingewöhnung schlecht gewählt, sechs Wochen nach der Geburt seines Bruders. Vielleicht war er einfach noch nicht so weit.

Die Eingewöhnung an sich verlief reibungslos. Wir taten, was alle Eltern tun- lasen ihm schon Wochen davor schöne Bücher über den Kindergarten vor, schürten Vorfreude, besetzten das Wort Kindergarten positiv, fuhren immer wieder dort vorbei und sagten Hallo. Wir kauften ihm eine schöne Tasche, eine neue Brotdose und eine selbst ausgesuchte Flasche. Wir waren stolz. wir ermutigten ihn. Die ersten beiden Wochen verliefen äußerlich gesehen sehr gut. Er weinte nie, lies sich ohne Probleme abgeben und war schnell die komplette Betreuungszeit von 3,5 Stunden dort.

Was mir von Anfang an etwas Bauchweh machte war der Zustand, wie ich meinen Sohn wieder bekam. Rote Augen, überreiztes kleines Wesen, weinerlich, wütend, aggressiv und hundemüde. Das sei normal beruhigte ich mich selbst. Er muss sich erst dran gewöhnen, dachte ich bei mir. Aber es fühlte sich von Tag zu Tag weniger stimmig an. Sein fröhliches Gemüt wurde immer ernster und er kam morgens immer schlechter aus dem Bett. Ich beschloss, ihn mal genauer nach dem Kindergarten zu fragen. Ich meine ernsthaft. Nicht das pro forma: wie wars heute, was habt ihr gemacht? – sondern wirklich. Hinhörend. Mit offenem Ohr.

Seine Antwort war echt und ehrlich. „Mama es gefällt mir da nicht. Mir ist es dort zu laut. Ich kann da nicht spielen. Es sind zu viele Kinder. Wir sind immer drin, ich will doch raus“.- war seine Antwort. Eine Antwort, die ich nicht überhören konnte. Eine Antwort, die mir Bauchweh machte. Eine Antwort, mit der ich eigentlich gerechnet hatte, denn mein Eindruck war der selbe. Es war jeden morgen unfassbar laut, wenn ich ihn abgegeben habe und er stand immer verloren in der großen Gruppe im Raum und wusste nichts mit sich anzufangen. Er war sehr beschäftigt damit, Reize zu verarbeiten und zurecht zu kommen und wollte nur bei der Erzieherin sein, weil er eine Bezugsperson dringend gebraucht hat. Weil er unsicher war. Weil er verloren war. Mir blutete mein Herz. Ich sprach mit der Erzieherin die (vorerst) meine Ängste versuchte aufzulösen und meinte, dass er es richtig toll mache, die Eingewöhung super laufe und er bald ganz ankommen würde. Mein Bauchgefühl lies mir aber keine Ruhe. Und in all dieser Zeit mit unserem Sohn habe ich gelernt, mein Bauchgefühl ernst zu nehmen, darauf zu vertrauen und ihm eine Stimme zu geben. Genauso wie ich die Stimme meines Kindergartenkindes nicht überhören konnte. Ich fragte mich, warum er erst auf Fragen mitteilte, wie es ihm ging, aber wirklich überrascht hat es mich nicht- er ist ein Junge, der immer alles richtig machen will, der Gefallen will, der sich durchkämpft, der mit dem Ist- Zustand versucht Frieden zu schließen. Ich wollte den Ist- Zustand aber nicht beibehalten. Ich fühlte ihn dort nicht gut aufgehoben, sondern nur verwahrt und das konnte ich nicht. Es lag nicht an den wirklich tollen und liebenswerten Erzieherinnen, es lag am Symstem. Daran, dass 24 Kinder mit 2 Erzieherinnen in einem winzigen Raum den Tag ausharren müssen. Den vielen weiteren Gruppen in einem wirklich kleinen Kindergarten. Dem Lärm. Das sind alles institutionelle Dinge und ich gebe niemandem die Schuld von den Leuten vor Ort. Mein Sohn ist sensibel und schnell überreizt, für andere Kinder mögen diese Faktoren nämlich kein Problem sein.

Ich lies ihn krankmelden und er blieb bei mir und dem Baby zu Hause. Es kam eine Zeit des Suchens, mit Freundinnen austauschens, telefonierens, Blogs lesens, Wege und Lösungen findes. Es kam eine Zeit, in der ich nicht wusste, was ich möchte. Ich verstand die Leute, die ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken, fand ihre Argumente dagegen schlüssig und wurde eine Befürworterin für das Konzept „Kindergartenfrei“. Mir fehlte es allerdings am Kontakt mit anderen Kindern, den der Große wirklich gerne hat. Und ich konnte aufgrund des Säuglings im Haus nicht mehr den ganzen Tag mit ihm unterwegs sein und ihn auslasten. Ich hatte meine Examensarbeit im Nacken und auch einfach das Gefühl, dass es uns allen gut tun würde, wenn er für ein paar Stunden am Tag das Haus verlässt und ausgeglichen wieder kommt. Aber wo finde ich so einen Ort? Ich war wirklich ratlos und wollte schon eine Elterninitiative ins Leben rufen. Aber alle anderen Kinder meiner Freunde und Bekannten gingen in den Kindergarten und so kam eine Interaktion mit gleichaltrigen am Vormittag einfach nicht zustande.

Eine sehr gute Freundin erzählte mir von einem Waldkindergarten ganz in unsere Nähe. Sie überlegte, ob das was für den Michl sei und ob ich mir das mal anschauen möchte. Am gleichen Tag googelte ich den besagten Kindergarten, las mir sein Konzept komplett durch, war begeistert und vereinbarte einen Termin zum hospitieren. Der Große war nicht so begeistert und verstand nicht, warum er sich nun einen weiteren Kindergarten anschauen soll, da er doch bereits in einem sei. Ich beschloss ehrlich mit ihm zu sein und erklärte ihm, dass ich einen neuen Kindergarten für ihn suche, indem es nicht so laut ist und weniger Kinder sind. Dort war er zwar sehr zurückhaltend, aber nicht uninteressiert. Ich war schlichtweg begeistert. Die Erzieher, die FSJ-lerin- dieser liebevolle Umgang mit den Kindern. Hier gab es Zeit- Für jeden einzelnen. Es gab keinen Lärm, keine großen Massen von kleinen Menschen, kein Gezerre an der Kindergärtnerin. Sie hatten einen wunderschönen Bauwagen mit Holzofen, ein tolles Waldgelände am Hang und eine sehr kleine Gruppe an Kindern, was sich voraussichtlich nicht in großem Maße ändern sollte. Wir überlegten nicht lange. Mein Bauchgefühl sagte JA. Mein Mann sagte JA. Mein Sohn sagte JA. Also sagten wir dem Kindergarten zu und genossen die nächsten drei Wochen zuhause bevor es mit der Eingewöhnung losging.

Was mich sehr überraschte war das Zugeständnis der Erzieherin aus dem alten Kindergarten. Sie war sehr begeistert und sagte, dass auch sie ein wenig Sorge um die Seele des kleinen Großen hatte und dass auch sie fand, dass er ein besonders sensibles Kerlchen ist, der von den Rahmenbedingungen nicht profitieren konnte. Sie gestand, dass auch sie fände, dass es eine sehr unrunde, unruhige Gruppe ist und dass sie sich sicher ist, dass er im Wald besser aufgehoben ist. Sie freute sich, dass wir auf unser Bauchgefühl gehört haben und dies bestätigte mir zusätzlich, dass wir den richtigen Schritt getan haben.

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Auch die Eingewöhnung verlief sehr achtsam. Die Erzieher kannten seine Geschichte und bemühten sich sehr um einen guten Start im Wald. Sie spielten Spiele, die er gerne spielte, bauten Waldschlagzeuge und bildeten Orchester, da er sehr gerne Musik macht. Sie holten ihn ab. Körperlich und seelisch. Sie sahen ihn. Sie gaben ihm Zeit. Sie akzeptierten ein nein und erklärten ihm das Leben im Wald mit einer Engelsgeduld. Der Wald strahlt eine harmonische Atmosphäre aus und das übertägt sich auf alle Beteiligten. Der Michl war nach guten drei Wochen eingewöhnt und ein richtiges Waldkind. Aufgrund der kleinen Gruppengröße fand er schnell Anschluss und genoss die Gemeinschaft. Auch jetzt hatte er Tage, an denen er erschöpft oder müde war, aber in einer anderen Qualität, weniger zehrend. Er war ausgeglichen und ging morgens gerne in den Wald. Er lernt unglaublich viel über die Natur, in der wir leben, über Jahreszeiten, über Tiere und Pflanzen. Er lernt mit Säge und Hammer umzugehen und in einer Gemeinschaft miteinander zu leben, Probleme zu lösen und ein Mitspracherecht zu haben. Er ist angekommen im neuen Alltag als Kindergartenkind und wir sind es langsam auch. Auch wenn wir einen ständig matschigen Hausflur haben und eine Unzahl an dreckigen Kleidern, wir haben ein glückliches Kind, dass jedem Wetter trotzt und was gutes abgewinnen kann.

Ich möchte den Waldkindergarten nicht als Allheilmittel verkaufen und auch nicht anpreisen als einzig richtige Lösung. Es war einfach unser Weg. Unser Weg zu einem ausgeglichenen Kindergartenkind. Unser Weg zu einer zufriedenen Mama. Unser Weg zu einem Kind, dass den ganzen Tag im Freien verbringt und damit gut zurecht kommt.

Ich glaube nicht, dass dies eine Lösung für jedes Kind ist oder für alle Eltern, es ist einfach unsere Lösung. Wir suchten einen Weg, der individuell ist, der uns Möglichkeiten gibt, neben dem klassischen häuslichen Kindergarten unser Kind zu betreuen und fanden diesen in unserem Waldkindergarten. Wer mehr über die Waldpädagogik erfahren möchte, deren Arbeitsweise und Sicht auf die Kinder- ich werde in ein paar Tagen einen Artikel dazu schreiben und hier auf dem Blog veröffentlichen.

Auf jeden Fall hat dieser Prozess durch den wir gegangen sind einiges an Fragen aufgeworfen. Einiges an Kritik an diesem System zum Vorschein gebracht. Einiges ins Rollen gebracht. Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag. Bis bald ihr lieben!

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