Warum wir uns für eine Freie Schule entschieden haben

Als wir ein Paar wurden, mein Mann und ich, hatten wir beide die Schulzeit hinter uns. Wir waren beide froh darum und fanden das Leben nun freier und selbstbestimmter. Wir haben viel über die vergangenen Jahre nachgedacht und aus unterschiedlichen Gründen waren wir nicht wirklich glücklich in der Schule gewesen.

Mein Mann, weil er zu laut war. Zu wild. Zu hinterfragend. Nicht brav genug. Nicht systemtauglich. Man hat ihm jahrelang das Gefühl gegeben, dass er falsch wäre und nicht in etwas unumstößliches hineinpassen würde, bei dem „alle Anderen“ ja scheinbar gut zurecht kamen. Man sagte ihm, dass er störe und er wurde immer mehr zu dem Jungen, über den sie bereits ein vorgefertigtes Bild hatten. Er hatte keine Möglichkeiten mehr sich zu entfalten. Er stand mit dem Rücken zur Wand und beschloss bereits in der zweiten Klasse, dass Schule wohl etwas sei, in das er nicht hineinpasse. Er zog falsche Schlüsse. Dachte es läge an ihm. Sein Selbstbild wurde in dieser Zeit negativ geprägt und all seine positiven Eigenschaften und seine vergnügte, quirlige Art wurden nicht gesehen oder als negativ ausgelegt.

Ich kann als Lehrerin verstehen, dass es nötig ist, dass die Kinder ruhig sind und sitzen bleiben. Man kann nicht 27 Kinder unterrichten, wenn jeder seinen Bedürfnissen nachgeht. Aber wäre es nicht auch überlegenswert ein System zu ändern, dass sechsjährige Kinder, die in der Mitte ihrer Schaffenskraft stehen, zum still sitzen verdonnert? Kinder, die entdecken wollen, wissen wollen, selbst erleben wollen, tätig sein wollen, werden als anstrengend und störend erlebt, dabei wollen wir doch unabhängige frei denkende Kinder. Ich zumindest. Die Lehrer können nichts dafür, sie müssen mit den Strukturen arbeiten, die ihnen gegeben werden. Die Strukturen zu ändern wäre für viele Kinder ein Vorteil. Behaupte ich. Bin ich davon überzeugt. Mein Mann verlor die Freude am Lernen- und sollte Schule nicht genau das unterstützen? Schule, die aus neugierigen Kindern Menschen macht, die resignieren macht etwas grundlegend nicht so, wie ich es mir für mein Kind wünsche.

Bei mir waren es andere Gründe, warum ich nicht allzu gern in die Schule ging. Ich konnte mich gut anpassen, fiel also nie negativ auf. Ich konnte still sitzen, ein Lineal benutzen und meine Hausaufgaben erledigen. Ich konnte mein Heft schön verzieren und mich brav melden, um das zu sagen, was ich hoffte, dass der Lehrer hören wollen würde. Ich war ein gutes Schulkind in den Augen der Lehrer. Ein Problem weniger sozusagen (ich spreche aus Erfahrung, man fängt als Lehrer tatsächlich an, so zu denken). Ich litt viel mehr unter enormen Leistungsdruck, der mich schon ab der dritten Klasse packte. Ich wollte gefallen. Es Recht machen. Aber ich war überfordert. Schon eine einzige schlechte Note brachte mich zum weinen und verzweifeln. Ich wollte, dass meine Eltern stolz auf mich sind aufgrund meiner schulischen Leistungen. Ich wollte nicht auffallen und schon gar nicht in den Radar von Streitigkeiten geraten. Ich war ein sehr sensibles Kind und ausgelacht zu werden war richtig schlimm für mich. Ich verstand diese zwischenmenschlichen Geschehnisse oft nicht und fühlte mich allein. Objektiv betrachtet hatte ich immer Menschen, mit denen die Schulzeit gut zu meistern war und darunter auch den ein oder anderen richtig guten Freund, aber subjektiv fühlte ich mich einsam und ausgeschlossen. Diese Gruppenzwänge und Zugehörigkeitsrituale machten mir Angst. Auch das machte mir Druck. Und wer Druck schon einmal verspürt hat weiss, dass es sich damit nicht sonderlich gut leben lässt. Oft kam der Druck auch von mir selbst. Aber vom System beeinflusst. Hast du gute Noten, bist du ein gutes Kind. Hast du Freunde bist du ein gutes Kind. Fällst du nicht auf, bist du ein gutes Kind. Meldest du dich, bist du ein gutes Kind. Und ich wollte ein gutes Kind sein. So sehr. Was bei mir zu Druck führte und zu dem Wunsch alles richtig zu machen, führte bei meinem Mann zu maximaler Rebellion.

Heute weiß ich, dass wenn ein kleiner sechsjähriger Mensch rebelliert, der noch ganz mit sich verbunden ist und weiss was ihm gut tut, dann sollte man darauf hören. Wachsam sein. Heute weiß ich, dass ein System, dass Menschen aufbegehren lässt oder in Druck und Zwang leiden lässt, kein für mich gutes System ist, in dem Kinder bestmöglich gedeihen. Ich denke nicht, dass es jedem Kind in der Schule so geht. Ich denke, dass es viele Kinder gibt, die unbeschadet durch die Zeit gehen und andere die sogar eine sehr gute Zeit verlebt haben. Aber ist überleben eine Option? Haben diese Kinder dann auch inhaltlich etwas mitgenommen? Etwas fürs Leben gelernt? Und damit meine ich nicht Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit in einer Gruppe unsichtbar zu werden oder so wenig wie möglich in Konflikte zu geraten. So richtig nachhaltig etwas gelernt, was sie begeistert und ihre Augen zum Funkeln gebracht hat, wie damals in der Kindergartenzeit?

Und was ist mit dem Rest? Dem Rest, der nicht unbeschadet durch diese Zeit gegangen ist? Was wäre aus ihnen geworden in einem anderen Umfeld? In einem ohne Druck und Angst? Mit achtsamem Miteinander? Was wäre mit ihnen geworden, wenn sie diese Schlüsse erst gar nicht gezogen hätten, die sie aufgrund der Schulzeit gezogen haben? Wenn ihr Selbstbild positiv und voller Liebe wäre? Schule wie ich sie erlebt habe fördert das Konkurrenzdenken und hat einen hohen Wettbewerbscharakter. Schule wie ich sie mir wünsche hat ihren Schwerpunkt auf den sozialen Kontakten, dem sozialen Lernen und den individuellen Bedürfnissen mit individuellen Kindern. Schule wie ich sie mir wünsche ist offener für die Fähigkeiten der einzelnen Kinder und weniger an einem Bildungsplan orientiert, sondern vielmehr an den einzelnen Interessensgebieten der jeweiligen Kinder interessiert. Schule wie ich sie mir wünsche befähigt Kinder dazu, kompetente Erwachsene zu werden und hilft ihnen beim sowieso anstrengenden Heranwachsen. Schule, wie ich sie mir wünsche erlaubt es wilden sechsjährigen sich zu bewegen und in der Bewegung zu lernen. So zu lernen, dass es nachhaltig ist. Und interessant. So zu lernen, dass Kinder inspiriert sind und mehr wissen wollen. So zu lernen, dass Kulturtechniken individuell angeeignet werden und nicht anhand von Diktaten  das Selbstwertgefühl des gerade erst Schreibenden hinunter gezogen wird. Schule wie ich sie mir wünsche ist voller Leben und Lachen und voller Lehrer, die Freude im Umgang mit Kindern haben, die Freude am Menschen haben, unabhängig von der Thematik des Faches. Ich wünsche mir Schulen, in denen Kinder vermittelt bekommen, dass sie genau richtig sind, wie sie sind. Dass Noten keine Rolle spielen, denn sie bremsen die Motivation und Lernbereitschaft der Heranwachsenden unglaublich. Dass individueller Fortschritt im Mittelpunkt steht. Eine Schule, in der Kinder den Tagesablauf mitbestimmen können und Verantwortung übernehmen. In der Kinder mit ihren eigenen Händen Dinge erschaffen und Alltag gestalten. Ich wünsche mir Kinder, die nach Hause kommen und Ressourcen haben für ihre Interessen. Die ihren Hobbys nachgehen können und nicht bis spät am Nachmittag am Küchentisch sitzen und mit mir über Hausaufgaben streiten. Ich wünsche mir Kinder, die bestärkt werden und Selbstvertrauen bekommen und die -lernen Konflikte miteinander zu lösen und gemeinsam Probleme zu erarbeiten.

Und all das haben wir persönlich in unsere Schulzeit nicht aufgefunden. Ich bin nicht verbittert darüber. Ich hatte Freunde und ein wirklich tolles Zuhause, dass den ein oder anderen Seelenschmerz gut auffangen konnte. Sowieso glaube ich, dass das Zuhause einen großen Einfluss nimmt und man vieles wett machen kann, was Schule an Kummer verursacht. Aber was, wenn viel Kummer von den Strukturen her kommt und nicht von den Schülern? Was wenn Konkurrenzdruck genommen wird und Zusammenhalt gestärkt werden könnte?

Ich dachte dass es so eine Schule nicht geben könne. Ich dachte lange, dass Schule nunmal so sei und zum notwendigen Übel dazu gehöre. Ich dachte, man müsse da eben durch. Und man würde es schon überleben. Und dann bekam ich Kinder. Und sah, dass sie genau richtig waren. Und dass sie vermutlich nicht in das System passen werden. Und ich das auch nicht unbedingt möchte. Ich sah, dass sie frei sind und wild und eigenständig in Geist und Seele und mir wurde schlecht wenn ich daran dachte, dass ihnen das einer ausreden würde. Mein Herz war schwer. Ich begann zu suchen. Und dann schaute ich den Film „Schools of trust“ und mir wurde warm ums Herz. Und ich war voller Hoffnung. Das hatte ich gesucht. Die Antwort auf meine Zweifel. Es war also möglich. Hier in Deutschland. Und die Umsetzung sieht gar nicht mal unmachbar aus. Ich besuchte viele freie Schulen und mein Herz wurde leichter, weil wir wussten, dass dort der richtige Ort für unseren Sohn sein würde. Für unsere Söhne. Nach unserem Weg zum Waldkindergarten war nun der Weg zur freien Schule geebnet und mein Herz wieder glücklicher.

Ich sehe das nicht verblühmt, auch das ist eine Instituion, auch diese Schulen funktionieren nur durch klare Regeln und Grenzen. Aber ich bin nicht gegen Regeln und Grenzen. Unser ganzes Zusammenleben, auch das in der Familie funktioniert nicht anders. Aber Freiheit zu haben, so lange sie andere nicht um ihre Grenzen bringt ist für mich ein wichtiges Gut. Und in diesen freien Schulen erlebte ich lebendiges Lernen, freudiges Miteinander, inspirierte Lehrer, gemeinsam gestaltete Schule aller Beteiligten. Ich erlebte Freude und Individualität. Ich erlebte ein großes Gemeinschaftsgefühl und große Freiheit für den Einzelnen, sowohl inhaltlich als auch persönlich.

Für uns wurde klar, leben wir in Deutschland, ist das unsere Art unsere Kinder zu beschulen. Ich möchte keinen Weg, der anders ist, oder Entscheidungen die anders ausfallen in Frage stellen. Ich zeichne lediglich unseren persönlichen Weg nach, damit andere, die auf der Suche sind vielleicht Hoffnung finden. Ich möchte nicht sagen, dass jede Schule so ist, denn vieles hängt, gerade in den ersten Jahren, auch von der Lehrperson ab und es gibt wunderbare und achtsame Grundschulen. Jeder weiß am besten, was für sein Kind gut ist. Das werde ich nicht in Frage stellen. So individuell unsere Gesellschaft ist, so individuell sind auch die Entscheidungen die wir für unsere Kinder treffen. Das ist lediglich unsere.

Was genau eine Freie Schule ist, was sie von staatlichen Schulen unterscheidet, wie die Mitgestaltung, Aufnahme und Finanzierung möglich ist, werde ich in einem anderen Post erklären, sofern dies möglich ist, da jede Schule ihre persönlichen Strukturen hat, aber sie weisen auch viele Gemeinsamkeiten auf. Hier sollte es in erster Linie darum gehen, warum diese Schulart für uns in Frage kommt.

Klar Filmempfehlung für alle Interessierten: https://www.youtube.com/watch?v=S3X3FgOd_bU

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: