Kindergartenfrei???

Die Vorgeschichte: 

Nach meinen Blogbeiträgen über den Waldkindergarten und meine Begeisterung für diesen konnte man diesen Schritt von außen wahrscheinlich nicht kommen sehen. Daher erzähle ich hier ein bischen über unsere Prozesse, unsere Gedanken und warum wir letztlich momentan alle Zuhause sind und Fremdbetreuung aktuell nicht in Anspruch nehmen.

Wer mir auf Instagram folgt wird merken, dass sich dieser Artikel nicht wesentlich von meinem Post darüber unterscheidet, ich habe ihn nur hier und da etwas ausführlicher gestaltet und mir mehr Zeichen gegönnt, als die, die ich auf Instagram zur Verfügung habe.

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt darüber schreiben mag. Weil es ein sehr individuelles Thema ist. Weil ich in meinen Lebensthemen keinen missionarischen Auftrag sehe. Weil ich gerne jeden in seinen Entscheidungen stehen lasse. Weil es für manche ein sehr emotionales Thema ist. Weil es ein Thema ist, bei dem jeder selbst entscheiden sollte, was für sein Kind und die eigene Familie am besten ist und sich richtig anfühlt. Weil es eine Entscheidung ist, die sich an den Bedürfnissen des Kindes orientiert und diese daher sehr unterschiedlich ausfallen kann. Weil dieses Thema polarisieren kann, kritische Stimmen hervorruft oder Fragezeichen zurücklässt.

Ich habe mich dennoch dazu entschieden. Denn es gehört zu unserem Weg dazu, unser Kind ganzheitlich zu sehen und ihn in seinen Bedürfnissen zu begleiten und wahrzunehmen. Zu allererst möchte ich aber nicht unerwähnt lassen, dass ich Kindergarten an sich nicht ablehne, dass ich nicht dogmatisch gegen Fremdbetreuung bin und ich nicht empfinde, dass ich die einzige bin, die meinem Kind geben kann, was es braucht. Ich bin mir außerdem sicher, dass viele Kinder gerne in den Kindergarten gehen. Und wenn Eltern mir erzählen, wie wohl sich das eigene Kind im Kindergarten fühlt- dann glaube ich ihnen. Aus tiefstem Herzen. Ich habe das ja selbst gesehen. Kindergarten ist für viele Kinder ein schöner Ort. Aber eben nicht für jedes. Und unseres war einfach noch nicht so weit, sich darauf einzulassen.

Ich möchte also darüber schreiben, um anderen Mut zu machen, denen es ähnlich geht wie uns. Um zu zeigen, dass es mehrere Wege gibt und man individuell denken darf. Dass man keine Angst haben braucht, wenn man Wege geht, die nicht der Norm entsprechen und dass sich frei machen von gesellschaftlichen Erwartungen in unserem Fall für unser Kind sehr entlastend war. Ich möchte niemanden bekehren oder überzeugen und wer glückliche Kindergartenkinder hat wird in diesem Artikel wenig Heimat finden. Auch wenn du aus verschiedenen Gründen dein Kind fremdbetreuen lassen musst und keine Wahl hast, wird dir dieser Artikel leider nicht hilfreich sein. Mir ist sehr bewusst, dass nicht jeder einfach frei entscheiden kann und dass viele Faktoren zusammen kommen. Mir ist bewusst, dass ich in einer privilegierten Lage bin von zu Hause aus studieren zu können und dass wir mit einem Gehalt gut über die Runden kommen. Dass das nicht immer so funktioniert ist mir klar.

Ich möchte aber Sprachrohr für die sein, die in ihrem Innern mit ihrem Kind leiden, dass vielleicht die Ausnahme ist und nicht gerne den Kindergarten besucht. Die die Wahl haben, es auch Zuhause zu lassen, sich aber aufgrund der „Anderen“ und der Stimmen von außen nicht trauen. Vielleicht findet sich die ein oder andere wieder. Vielleicht hilft es jemandem, der mit dem Rücken zur Wand steht den ersten Schritt nach vorne zu machen.

Wir alle wollen nur eins: glückliche Kinder. Dann sind auch wir glücklich. Dann können auch wir unsere Wege gehen. Aber unser Kind war es nicht.

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Der Kindergartenstart: 

Von Anfang an wollte er nie ohne mich in eine Einrichtung gehen. Wir hatten einen anstrengenden letzten Sommer und uns und unserem Sohn viel zugemutet. Zu viel. Die Geburt eines Geschwisterchens, die Eifersucht, die Gefühle der Mama im Wochenbett die irritierend für ihn waren, dieses Menschlein, dass so bedüftig war, meine Müdigkeit, meine Ungeduld und unsere Wohnungssuche und der bevorstehende Umzug prägten diese Wochen neben vollkommenem Babyglück, Wochenbettblase und Familienzuwachs. Es war schön. Und schwer. Und schön. Und wieder nicht leicht. Wir lernten uns kennen, wir wuchsen zusammen, von Tag zu Tag waren wir mehr eine Einheit. Aber für den großen Bruder änderte sich eine ganze Welt. Eine heile Welt. Die er freiwillig nicht aufgegeben hätte. Den Vorzug eines Bruders erfuhr er erst die Monate danach, in diesem Moment war es einfach nur Entthronung und schlimm. Und ich verstand ihn. Aber ich war auch überfordert. Mein Körper wollte Ruhe, meine Seele wollte Säuglingsduft schnuppern und Kleinkind zufrieden stellen in gleicher Weise und es gelang mir anfangs nur schwer. Ich war müde und traurig und glücklich und überfordert. Es kam mir gelegen, dass der Kindergartenstart vor der Türe stand. Ich dachte tatsächlich, dass es ein guter Zeitpunkt wäre. So kurz nach der Geburt und unmittelbar vor einem Umzug (heute schüttel ich nur vor mir selbst den Kopf). Ich dachte nicht so weit. Es war mir nicht wirklich bewusst, dass dies alles einschneidende Erlebnisse sind. Ich war zu sehr bei mir. Bei meinen Gefühlen. Ich dachte einfach nur, es würde ihm schon gefallen, mal raus kommen, mal nicht auf den kleinen Bruder warten, mal wieder der Mittelpunkt sein, mal andere Kinder um sich rum haben. Er ist ein extrovertierter offener Mensch und ich dachte tatsächlich mit reinem gewissen, dass es für alle Beteiligten eine Win- Win- Situation sein würde.

Ich war innerlich so darauf fixiert entlastet zu werden, dass ich nicht weiter gedacht hatte. Ich sehnte mich nach Ruhezeiten. Nach Schlaf und nach der Ruhe, die ein Säugling in meinen Augen brauchen kann. Ich freute mich auf morgende nur mit dem Kleinen und einfach dasitzen, um ihn zu bestaunen. Ich hatte nicht daran gedacht, dass nicht jedes Kind sich gut aufgehoben fühlt, dass manche Kinder ein, zwei Jahre länger Zeit Zuhause benötigen oder dass es nicht für alle Kinder der geeignete Ort sei. Jedes Kind braucht schließlich Freunde im gleichen Alter. Soziales Lernen war mir immer als Stichwort im Kopf. Dinge, die ich ihm scheinbar zu Hause nicht bieten konnte deckte ein Kindergarten laut Aussagen der Außenwelt ab. In meinem Kopf hatte ich ein klares Konzept vom Thema Kindergarten und dies war bis zu diesem Zeitpunkt nie in Frage gestellt worden.

Bis zu dem Zeitpunkt, in dem wir den Kindergarten betraten. In den kommenden Wochen machte ich dir Erfahrung, dass nicht nur ich sehr sensibel auf Außenreize reagiere, sondern auch mein Sohn sehr sensibel ist. Es war ihm schlichtweg zu laut. Zu voll. Zu viel. Er war nur 3 Stunden täglich dort, aber es gefiel ihm nicht. Ich hörte nicht darauf. Es wird einem doch schließlich gesagt, dass es normal sei, wenn ein Kind nicht möchte. Dass es normal sei, wenn sie weinen oder einen vermissen. Dass es normal sei, dass sie es nicht schön finden. Ich fragte mich allerdings immer wieder, was an all diesen negativen Gefühlen, die ein Kind angeblich zu durchlaufen hat, bevor es das Ziel erreicht normal sei. Ich ließ ihn nie weinend zurück, ich sprach mit ihm, ich versuchte es ihm schmackhaft zu machen aber ich hörte auch ihn. Ich sah ihn. Seine Erschöpfung. Seine Veränderung. Seine Ängste. Sein Tiefpunkt am Nachmittag. Er versuchte stark zu sein, ich redete ihm gut zu. Aber es wurde schlimmer. Dort spielte er zwar schön und die Erzieherinnen sprachen von einer gelungenen Eingewöhnung, aber was ich sah war ein wirklich trauriges Kind, dass sich in dieser Gruppe von 25 Kindern und 2 Erzieherinnen nicht entfalten konnte. Nicht zur Geltung kam. Nicht gesehen wurde. Er weinte nachts viel. Ich fing an in Frage zu stellen. Konnten wirklich Menschen mit einem Betreuungsstab von 1: 12,5 besser für mein Kind sorgen als ich? Am Mittag erzählte er mir täglich, dass es kein schöner Ort sei und am Morgen stapfte er tapfer los. Es brach mir mein Herz. Wir redeten. Mein Mann und ich. Wir überlegten. Ich traute mir eine Betreuung beider Kinder zu Hause einfach nicht zu.

Ich warf alte Überzeugungen über Board, las viel. Beschäftigte mich mit Andre Stern und Gerald Hüther und suchte nach einer passenden Lösung für unsere Situation. Ich meldete mich in Facebookgruppen an, die den Namen Kindergartenfrei trugen und machte mich stark. Fragte nach ihren Geschichten. Redete mit Freundinnen und meinem Mann. Überlegte, warum es so schwer war, einen „Sonderweg“ zu gehen, überlegte, warum es in dieser Gesellschaft nicht sehr erwünscht war, Dinge zu hinterfragen, andere Wege zu suchen, neue Möglichkeiten zu finden. Warum mit der Angst gespielt wird und diese Angst uns antreibt. Ich verstand, dass damit andere Lebenskonzepte sich schnell angegriffen fühlen. Ich will doch aber mit meinem Handeln niemand verletzen oder in Frage stellen ich will doch lediglich ein glückliches Kind- mein Kind zurück. Das unbeschwerte, lachende, freie Kind. Ich will niemanden zu Nahe treten, keine Dogmatik verbreiten, keine Ideologie leben, auch wenn ich alle Punkte der Kindergartenfrei- Bewegung total verstehe und aufgrund meiner Erziehungsansichten total unterschreiben kann ging es mir letztendlich einfach um ein glückliches Kind. Und das konnte er dort nicht sein. Aber ich konnte einfach noch nicht den Gedanken zulassen ihn zu Hause zu lassen, auch wenn es eine realistische Option war, noch war ich zu schwach, zu müde, zu ausgelaugt, zu überfordert mit seiner Energie und meinem nicht dazu passenden Beckenboden.

Ich suchte nach einem geeigneteren Betreuungsplatz für ihn und stieß nach langer Suche auf den Waldkindergarten mit 11 Kindern und 3 Erziehern, liebevoll gestaltet, wunderschön umgesetzt.

Für mehr Informationen dazu klicke hier: Waldkindergarten

Ich bin begeistert von der Pädagogik, scrolle mich durch ihren Internetauftritt und mir wird warm ums Herz. Es wird klar- hier ist er richtig aufgehoben, das ist ein Ort, an dem auch ich gerne wäre. Hier fühlt man sich wohl. Ich machte direkt einen Besuchstermin aus und war auch hier völlig begeistert.

Ich meldete mein Kind aus dem Kindergarten im Ort ab. Mit was ich nicht gerechnet hatte: Verständnis. Zuspruch. Es wäre eine gute Entscheidung. Er wäre zu sensibel für diese wilde Gruppe. Sie würden sich freuen, dass es noch Eltern gäbe, die auf ihr Bauchgefühl hören. Sie können uns nur gratulieren zu dieser Entscheidung.

Einerseits freute mich das, andererseits war ich schockiert. So oft äußerte ich Zweifel, haderte ich, sprach an, wie es ihm geht. So oft wurde es abgetan. Mit einem Wink wurde gesagt, er mache das doch super. Er gewöhne sich schon dran. Es laufe alles toll. Ich freute mich über ihren Zuspruch, habe aber ein bisschen das Vertrauen in pädagogische Fachkräfte und ihre Aussagen verloren. Natürlich handeln sie Institutionsgetreu, natürlich ist das ein stückweit ihr Job, aber befremdlich war es dennoch. Und es bestärkte mich sehr in unserer Entscheidung.

Meine lieben, für heute ist der Artikel lang genug, im nächsten Beitrag könnt ihr nachlesen, wie es uns im Waldkindergarten erging und warum wir uns letztendlich nun doch für ein kindergartenfreies Leben entschieden haben. Fortsetzung folgt. Klicke hier: Kindergartenfrei!!!

 

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