Kindergartenfrei!!!

Fortsetzung. Wie es im Wald weiter ging: 

Wir sind also im Wald. Wir hatten eine Pause zwischen beiden Einrichtungen, damit der kleine Mann sich erholen konnte. Ich versuchte ihn diesmal besser vorzubereiten. Erzählte ihm vom Wald. Von den Kindern dort. Von der Ruhe und der Zeit dort- von den Vorzügen. Ich war fest entschlossen. Wir besuchten den Kindergarten. Spazierten täglich dort. Ich schwärmte ihm vor. Nicht geheuchelt. Echt. Ich war so glücklich über diesen Fund.

Anfangs überlegte ich noch, ob sein „scheitern“ (ich sehe es nicht als scheitern) damit zu tun hatte, dass ich selbst mich dort nicht wohl gefühlt hatte in diesem häuslichen Kindergarten. Dass ich die Überforderung der Erzieher und die Vielzahl der Kinder selbst nicht gut fand. Übertrug ich da etwas auf ihn? Ausschließen konnte ich es nicht, aber schlimm fand ich dies auch nicht, denn an einem Ort, an dem ich mich selbst nicht wohl fühlte wollte ich mein Kind ohnehin nicht haben (wir haben im Vorfeld die Einrichtung sorgsam ausgesucht, aber der Alltag der Kinder dort wurde erst während der Eingewöhnung sichtbar). Also entschloss ich, festen Herzens zu sein. So würde er sich sicher fühlen. Er würde meine Sicherheit spüren und die würde sich bestimmt übertragen. Er würde dort ankommen. Er würde zurecht kommen. Er würde es lieben. Und ein Waldkind sein.

Es kam etwas anders. Er kam besser zurecht als in der häuslichen Einrichtung. Die Erzieher, eine ganz besonders, waren sehr achtsame und liebevolle Menschen. Sie waren ganz beim Kind, total entspannt, sehr freundlich, hatten tolle Angebote, einen klaren Rahmen, eine transparent strukturierte Tagesplanung und tolle Kinder, mit denen er sich schnell anfreundete. Ich war begeistert. Ich fand nichts, was ich auszusetzen hatte. Ich fand nichts, was mir nicht gefiel. Wir gewöhnten langsam ein, Stück für Stück. Vertrauen gewinnen. Das wollte ich. Ein Kind zurücklassen, dass mir signalisiert, dass es nicht will, dass ich gehe, das wollte ich nicht.

Mein Sohn lebt in einer großen Familie und „Fremdbetreuung“, also Betreuung ohne die Eltern war nichts neues für ihn. Nie hatte er Abschiedsprobleme, nie weinte er oder wollte nicht mit gehen. Er liebt seine Großeltern, Onkeln und Tanten und ist am Ende des Tages oft enttäuscht, wenn wir ihn von dort abholen. Ich merke einen großen Unterschied, wann er gerne in die weite Welt geht und wann es ihn schlichtweg überfordert. Und auch hier, im Wald, bei Petterson und Findus, überforderte ihn der Abschied. Aber nicht nur das- auch die Zeit ohne seine Bezugspersonen fiel ihm auch hier sehr schwer. Wir gewöhnten ihn ein, hatten ein wohlwollendes freundliches Eingewöhungsabschlussgespräch und nun ein richtiges Waldkind. Anfangs lief es ganz gut. Er fand schnell Freunde und holte ich ihn mittags ab, war er umgeben von Kindern, konnte sich nur schwer trennen und wirkte zufrieden. Dieses Bild bot sich mir jeden Nachmittag.

Dies irritierte mich, denn er schien so glücklich dort, die Ausflüge, die Erlebnisse, alles wirkte rund und schön. Und doch fing er wieder an, schlecht zu schlafen, abends schon zu sagen, dass er nicht in den Kindergarten möchte und morgens zu weinen. Es wurde von Woche zu Woche schlimmer. Wir ignorierten es anfangs und dachten, es falle ihm einfach schwer, morgens das Haus zu verlassen, was auch sicherlich ein großer Punkt war. Aber auch der Abschied dort wurde immer schwieriger und er tat sich sehr schwer, in den Tag zu starten. Abends weinte er und sagte mir, dass er morgen nicht in den Kindergarten wollte. Auf Nachfragen konnte er immer nur sagen: Ich mag die Kinder aber ich mag da nicht sein. Ich mag nicht so lange dort sein. Mir ist das zu viel. Immer wieder ließen wir ihn zu Hause und diese Tage war es so leicht, so entspannt, so am aufatmen. Die Morgende in denen er ging, waren anstrengend, ich richtete Essen für ein Kind das nicht gehen wollte, zog ihn gegen seinen Willen an, redete ihm zu, hob ihn auf, wenn er sich auf den Boden warf und weinte, wenn er weg war. Es fühlte sich jedes mal an, als würde ich seinen Willen brechen.Und das tat ich ja tatsächlich.  So gar nicht, wie wir sonst miteinander umgehen. Wir hatten kein gutes Gefühl. Wir redeten viel. Ich haderte. Ich war mir doch so sicher. Ich mochte die Eltern dort. Die Erzieher, den Umgang, den er dort hatte. Ich wollte so gerne, dass er sich wohl fühlte. Aber er tat es nur bedingt. Er mochte die Kinder und Erzieher auch. Aber er war nicht bereit. Es war ihm zu lang. Es war nicht seine Wohlfühlzone. Es war einfach zu früh. Wir hätten es vielleicht ein Jahr später versuchen sollen. Er wollte nichts sehnlicher, als einfach zu Hause sein. Wie früher. Vor dem Bruder. Vor dem Dreisein. Spielen. Sein. In den Tag leben. Am Mittag Freunde treffen. Am morgen reichte ihm sein Bruder. Und ich. Er war genügsam. Er wollte keine Aktion den ganzen Tag. Er war gar nicht dazu bereit, sich stunden lang mit anderen Kindern auseinander zu setzen. Ich sah es an unseren Spieltreffen mit Kindern in seinem Alter- maximal zwei Stunden war es gut und dann wollte er Rückzug, wollte mit sich selbst spielen, wollte eine Pause. Mit sehr vertrauten Kindern auch länger, aber er ist drei. Er brauchte mich im Hintergrund. Als sichere Basis. Ich verstand das immer mehr. Ich lernte ihn noch immer kennen. Ich lernte noch immer, seine Bedürfnisse zu verstehen. Meine mit seinen abzugleichen.

20180208_153519.jpg

 

Wie es dann weiterging: 

 

In der Zwischenzeit wurde der Bruder größer und meine Examensarbeit kürzer. Ich hatte morgens mehr Raum und mein Körper war erholt und stand zu neuen Taten bereit. Ich konnte mir vorstellen, ihn bei mir zu haben. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, ihn unter den oben genannten Gefühlen weg zu geben. Zusätzlich war es ein langer, kalter, harter Winter, der viele Krankheiten mit sich brachte. Ich fand es schwer zu unterscheiden, welche Krankheit der Erschöpfung zu schulden war und welche wirklich von Viren verursacht wurde.

Wir gingen in den Urlaub. Wir redeten viel. Wir sprachen offen mit ihm. Sagten ihm, dass wir das mit dem Kindergarten merkten und fragten noch einmal was er wollte. Er war ganz bei sich, ganz klar, ganz echt. Er sagte: Mama, ich will einfach nur daheim sein. Ich will spielen. Ich will nicht in den Kindergarten. Ich will nicht in den Wald. Ich will mit den Waldkindern spielen aber du sollst mit. Ich will meine Freunde mit dir treffen. Wir erklärten ihm, wie der Tag dann ohne Kindergarten aussehen würde und was es alles bedeutet würde, er verstand. Er wollte es so. Er entspannte sich. Schon allein, dass wir darüber sprachen machten so einen Unterschied in seiner Seele. Er fühlte sich wieder gesehen. Wahrgenommen. In seiner Not ernst genommen.

Wir verstanden. Wir hatten nun einen Entschluss. Und es fühlte sich zum ersten Mal seit 7 Monaten richtig an. Befreiend. Wohltuend. Bauchgefühl und Kopf taten endlich dasselbe. Wir alle atmeten hörbar auf. Dieses elende hin- und her konnte endlich beendet werden. Wir sagten ihm: „Wir haben es gehört. Wir verstehen es. Wir nehmen es Ernst. Du musst nicht gehen. Du darfst zu Hause bleiben.“ Er atmete auf. Wir alle. Welche Kraft ein entschlossenes Herz haben kann, welche Freude das freisetzt haben wir ab diesem Zeitpunkt merken dürfen.

Wir vereinbarten einen Termin mit dem Kindergarten, meldeten unser Kind ab und feierten einen Abschied. Es fühlte sich richtig an. Der Kindergarten bestätigte mir mit seiner Reaktion, dass es ein wunderbarer Platz für Kinder ist mit tollen Erziehern, denn sie haben gut reagiert, uns verstanden und gemeinsam mit uns nach Lösungen und weiteren Wegen gesucht.

Fragen blieben. Zweifel blieben. Und Ängste. Werden wir ihm gerecht? Hat er genug soziale Kontakte? Müssen diese Kontakte von Gleichaltrigen sein? Ist es der richtige Weg? Versäumt er etwas?

All diese Fragen haben wir für uns beantwortet, sind ihnen auf die Spur gegangen, haben ‚Ängste aufgesucht und versucht herauszufinden, woher unsere Konzepte kommen. Dazu gern im nächsten Artikel mehr. Ich werde die Gedanken und Fragen, die uns zum Thema Kindergartenfrei begegnet sind im nächsten Artikel zusammenfassen und in einem anderen Artikel werdet ihr ein Update bekommen, wie wir unser Leben nun ganz ohne Kindergarten gestalten.

Warum wir uns keine Sorgen mehr machen? Fragen und Antworten findest du hier: FAQ- Kein Grund zur Sorge?! Fragen und Antworten zum Thema „Kindergartenfrei“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: