FAQ- Kein Grund zur Sorge?! Fragen und Antworten zum Thema „Kindergartenfrei“

Gerade das nahe Umfeld, wie Großeltern oder Freunde machen sich immer wieder Sorgen, was mit dem Kind passiert, wenn es nicht in den Kindergarten geht. Die Sorgen sind verständlich, wir kennen es ja alle nicht anders. Es fehlt nun einmal die große Gruppe der heute zwanzigjährigen, die alle keinen Kindergarten besucht haben und zeigen könnten, dass auch sie einen guten Weg gegangen sind. Dass sie sozialisiert sind und dies nicht zwangsläufig mit einem Kindergartenbesuch zu tun haben muss. Dass auch sie Freunde hatten, die sie wo anders kennen gelernt haben, als in der Einrichtung. Dass sie trotzdem in der Schule zurechtgekommen sind, da drei Jahre im Leben eines Menschen viel an Entwicklung zulassen. Wir können lediglich darauf vertrauen, dass sie ihren Weg gehen werden. Dass sie sozialisierte Menschen sein wollen, schon allein aus ihrer Natur heraus und dass es ihnen auch ohne (oder in unserem Fall gerade weil ohne) Kindergarten gut geht.

Viele Fragen und Zweifel, (die ich mir auch selbst oft gestellt habe in unserem Prozess), die mich im Laufe der Zeit erreicht haben, habe ich gesammelt, um hier Antworten zu liefern. Unsere Sichtweise darzustellen. Unseren Standpunkt zu erläutern und unsere Überzeugungen zu erklären.

Vorab ist es mir noch einmal wichtig zu betonen, dass wir nicht gegen den Kindergarten sind, dass wir überzeugt sind, dass es für manche Kinder der richtige Ort ist. Für viele Kinder. Aber für manche eben auch nicht. Wir reagieren lediglich auf unser persönliches Kind mit seinen persönlichen Charakter und versuchen ihm ein Umfeld zu ermöglichen, dass ihm gut tut und ihn in Geborgenheit und Freiheit wachsen lässt.

Warum man sich also um uns keine Sorgen machen muss, auch wenn es lieb gemeint ist und ich es gut verstehen kann, erfahrt ihr hier:

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Frage 1: Aber euer Kind braucht doch soziale Kontakte im gleichen Alter?        

Unsere Antwort: Wir finden auch, dass ein Kind soziale Kontakte braucht. Definitiv. Ohne Frage. Und unserer Meinung nach dürfen diese so vielschichtig sein, wie unsere Gesellschaft. Unsere Kinder sind tagtäglich in Interaktion mit anderen Menschen. Wir empfinden es als unnatürlich, dass sich ein Kind die ganze Woche fast ausschließlich mit Gleichaltrigen zusammen in einem eingezäunten Bereich aufhält. Unsere Gesellschaft ist so nicht aufgebaut und auch wir pflegen Kontakte zu den unterschiedlichsten Menschen und treffen nicht ausschließlich Leute unseres Alters. Unsere Söhne sind eingebettet in ein großes Familiennetzwerk  und sie kommen wöchentlich in den Genuss, ihre Omas zu sehen, die mit ihnen Bücher lesen, kneten oder Fahrrad fahren, ihre Opas zu treffen, die Eisenbahn spielen, Traktor fahren oder die Welt erklären. Sie treffen ihre Onkels, die sie in die Luft wirbeln und mit ihnen musizieren und ihre Tanten, die stunden lang mit ihnen Höhlen bauen oder Wasserfarben malen. Durch dieses Netz entstehen wunderbare Ausflüge, Zugfahrten, Museenbesuche, Radtouren und das Einbetten in den Alltag- also gemeinsam backen, einkaufen, kochen. Und für vieles sind wir nicht alleine zuständig, viele Aktivitäten und erste Male werden von der Familie mit Freude übernommen. Auch treffen sie auf Regeln und Grenzen und Lernen so, in der Gesellschaft zurecht zu kommen. Ebenso treffen wir mehrmals die Woche Kinder in ihrem Alter, mit denen sie spielen, picknicken, um die Wette laufen oder einfach nebeneinander her ihren eigenen Beschäftigungen nachgehen. Unser großer Sohn trifft sich mit seinem aufgeweckten, treuen Freund, mit dem er anders spielt, genauso gern, wie mit seiner zarten gleichaltrigen Freundin oder dem Baby unserer Freunde. Er lässt sich auf die unterschiedlichsten Menschen ein und erlebt dabei Routine und Rhythmus und lernt sich auf die Vielfältigkeit der Menschen einzulassen. Wir haben nicht den Eindruck, dass er unterfordert ist, oder mehr Interaktion braucht- ist dies der Fall- reagieren wir. Wir sind in einem Turnverein, in dem er lernt, mit anderen Kindern in einer Gruppe zu agieren und treffen auf unseren morgendlichen Streifzügen die Bäckersfrau, den Pferdewirt, die Obstverkäuferin, den spontanen Spielfreund auf dem Spielplatz oder die Nachbarn. Mit allen wird gesprochen, alle nehmen sich kurz Zeit und wir sind eingebettet ins „echte“ Leben. In Vielschichtigkeit. Überall lernt er etwas anderes, überall kommt er mit Menschen zusammen und nimmt etwas mit. Er geht offen und freundlich durch die Welt und hat auch vor Kindern in seinem Alter keine Scheu. Wir reagieren spontan auf seine Entwicklungen und als er vor ein paar Wochen das erste mal selbst sagte, er möchte alleine bei seinem Freund bleiben, haben wir das direkt umgesetzt. Er darf das Tempo der Abnabelung bestimmen. Wir glauben nicht, dass ein Kind fünf Stunden am Tag soziale Kontakte braucht in Form eines engen Raumes mit vielen Kindern und nur wenigen Bezugspersonen. Ich bin selbst mehr der Typ der sich gern mit Einzelnen trifft, statt in der großen Gruppe agiert. Wir glauben nicht, dass diese Kontakte besser oder schlechter sind als die, die wir ihm geben können und sind der Meinung, dass soziale Kontakte vor allem dann gewinnbringend sind, wenn man dafür offen ist, und man sich nicht in einer Stresssituation oder unter Druck befindet. Im Kindergarten selbst konnte unser Sohn von diesen Kontakten nicht profitieren, weil die Rahmenbedingungen für ihn persönlich nicht optimal waren. Es war eine individuelle Entscheidung und wir sehen, dass ihm diese Art der selektierten Kontakte mehr liegt und eher seinem Naturell entspricht. Er benötigt viel Raum für sich selbst, um sich zurück zu ziehen und seine eigenen Ideen umzusetzen. Ein gutes Maß von Beidem versuchen wir ihm zu ermöglichen.

Frage 2: Wenn ihr ihn jetzt aus dem Kindergarten abmeldet, dann lernt er doch nur, dass er immer, wenn es ungemütlich wird, kneifen darf und dass immer das gemacht wird, was er will.

Unsere Antwort: Wir glauben, dass er etwas Anderes lernt. Nämlich Selbstwirksamkeit. Wir glauben, dass sein Lerneffekt dieser ist, dass er mit seinen Gefühlen zu uns kommen kann, diese Ernst genommen werden, gemeinsame Wege gesucht und Lösungen gefunden werden. Er lernt, dass das, was er sagt, Gewicht hat. Er lernt, dass seine Gefühle sein dürfen. Dass es OK ist, wenn er sich nicht wohl fühlt, dass es OK ist, wenn er etwas Anderes braucht. Dass nicht er falsch ist. Dass das Problem nicht an ihm liegt, sondern an der passenden Lösung für ihn und seine Persönlichkeit. Dass er nicht machtlos und ohnmächtig ist, sondern seinem Gefühl vertrauen darf. Wir glauben, dass es ihn stärkt für sein späteres Leben, dass ihm Vertrauen in seine Gefühle und Bedürfnisse geschenkt wurde und wir glauben, dass er lernt, dass er selbst Macht über sich hat und so später zu einem selbstbewussten Menschen heranreift, der lernt, für seine Gefühle einzustehen, aber auch für seine Entscheidungen die Konsequenzen zu tragen. Er lernt, dass er zu uns kommen kann, dass wir da sind und dass seine Anliegen genauso geprüft und besprochen werden wie unsere.

Frage 3: Wie finanziert ihr euch das, wenn du so lange zu Hause bist?

Unsere Antwort: Momentan bin ich in der günstigen Lage, dass mein kleiner Sohn ein Jahr alt ist und ich die nächsten drei Jahre sowieso zu Hause geblieben wäre, daher machte es keinen Unterschied, ob ein Kind oder beide zu Hause sind. Ich studiere neben dem Beruf „Mama sein“ Sonderpädagogik und mein Mann arbeitet in Vollzeit. Wir passen unser Leben unserem Gehalt an und nicht umgekehrt. Das heißt, wir haben uns für diesen Weg entschieden und versuchen mit dem Geld, das uns zur Verfügung steht zurechtzukommen. Das bedeutet in unserem Fall: erstmal kein Eigenheim, kein teures Auto, weniger Geld für teure Kleider oder zur freien Verfügung und sparsamer Leben. Aber es bedeutet auch Zeit. Zeit für unsere Kinder. Zeit zum studieren. Zeit mit der Familie. Wir haben für uns beschlossen diesen Weg zu gehen und werden unseren Lebensstandard daran orientieren. Ein Gehalt reicht uns, um in Urlaub zu fahren, alle Grundbedürfnisse zu befriedigen und wenn wir achtsam mit dem Geld umgehen auch für Besonderheiten hier und da. Wichtig ist eine Entscheidung und wenn diese gefallen ist, Schritte in diese Richtung zu gehen. Wir hätten natürlich mehr Geld, würde auch ich Vollzeit arbeiten, aber das ist uns ein zu hoher Preis für die Familienzeit. Ich denke, dass muss jede Familie individuell entscheiden. Ich weiß nur eins, für ein Eigenheim oder das größere Auto werden wir nicht unsere freie Zeit opfern, solange es uns an nichts fehlt und so gut geht, wie bisher.

Frage 4: Hättest du nicht gerne selbst manchmal Pause? 

Unsere Antwort: Doch. Auf jeden Fall. Ich stelle es mir total entspannt vor, die Morgende ohne meine Kinder zu verbringen, mal durchzuatmen, mal nur zu tun, was ich möchte. Aber auch hier ist mir der Preis zu hoch, wenn mein Kind klar signalisiert, dass es nicht möchte. Ich habe andere Wege gefunden für mich selbst Zeit zu haben. Der Papa hat eine lange Mittagspause und ist morgens lange zu Hause, wir sehen ihn über den Tag verteilt viel und es gibt immer wieder Möglichkeiten für mich, mich zurückzuziehen oder auch mal ein Nickerchen zu machen. Außerdem profitieren wir sehr von unserem geliebten Familiennetzwerk, welches uns erlaubt, unseren älteren Sohn über mehrere Stunden, auch mal mehrmals die Woche zu den Großeltern oder der Tante zu bringen und nichts liebt er mehr als das. Mein kleines Stillkind lässt sich ohnehin nicht so leicht abgeben, aber auch daran arbeiten wir, da wir wissen, wie wichtig Zweisamkeit als Paar und Zeit für mich alleine ist, um meine Batterien zu füllen. Wir haben uns alle im Blick und schauen, dass jeder zu seinen Bedürfnissen kommt. Und nebenbei genieße ich es auch sehr, den Tag mit diesen beiden Menschen zu starten. Ich wünschte mir manchmal mehr Freiraum, aber die meiste Zeit bin ich sehr zufrieden mit unserer Entscheidung. Ich treffe mich viel mit Freundinnen und wir teilen uns unsere Zeit selbst ein, das ist mir viel wert.

Frage 5: Langweilt er sich nicht manchmal, wenn er immer mit im Alltag ist?

Unsere Antwort: Doch durchaus. Manchmal hat er Leerlauf. Manchmal muss ich kochen oder einfach mal sauber machen oder mich um seinen Bruder kümmern. Wir glauben aber, dass Langeweile nicht an sich etwas Schlechtes ist. Unsere Kinder haben wenig Leerlauf , ich bin die meiste Zeit sehr präsent und ansprechbar und wir haben am Nachmittag auf sie zugeschnittenes Programm und Verabredungen. Doch die intensivsten, phantasievollsten Spiele entstehen hier oft aus einer „Langeweile“ heraus. Wenn ich mal nicht verfügbar bin. Wenn ich mal nicht sofort da bin, um die Ideenlosigkeit zu füllen. Ich versuche sogar bewusst, solche Zeiten einzubauen. In denen sie einfach nichts tun, sich selbst spüren, Ideen entwickeln und kreativ werden. Wir wollen langsamer Leben, den Alltag bewusst gestalten, nicht in der Geschäftigkeit vergessen, uns zu spüren. Daher habe ich keine Sorge, wenn unserem Sohn manchmal langweilig wird, ich bin im Gegenteil dann sehr gespannt, was er für Ideen entwickeln und wie er sich selbst beschäftigen wird, denn auch die Fähigkeit sich selbst zu beschäftigen ist wichtig, um mit sich selbst zufrieden zu sein und mit sich im Einklang den Alltag zu gestalten.

Frage 6. Dein Kind ist an der Eingewöhnung gescheitert, weil es deine Unsicherheit gespürt hat. Ihr als Eltern müsst den Kindern Sicherheit geben, dann fügen sie sich. 

Unsere Antwort: Zuallererst wollen wir eben genau das nicht. Dass sie sich fügen. Wir wollen Kinder, die lernen in der Gesellschaft zurecht zu kommen, weil sie dazu bereit sind. Wir wollen Kinder, die sich anpassen können,  wenn es darauf ankommt, die sich in eine Gruppe integrieren können und gemeinsam mit anderen etwas erarbeiten können. Wir wollen aber nicht, dass sie sich mit drei Jahren schon einer Situation fügen müssen, welcher sie einfach nicht gewachsen sind. Wir wollen sie nicht überfordern in diesen jungen Jahren, sondern schützen. Wir sind uns sicher: Die Zeit wird kommen. Er wird groß werden und selbstbewusst und er wird in diese weite Welt hinaus wollen, sie entdecken und er wird vertrauen zu sich bekommen. Er wird Lust haben, mit anderen in Interaktion zu treten (was er ja schon längst hat) und er wird seine eigenen Erkenntnisse erlangen. Wir glauben, damit er dort hin kommt, ist es wichtig, ihn nicht zu drängen. Ihn nicht fügsam zu machen in einer Situation, der wir ausweichen können. Und wenn ich selbst unsicher bin, ist es dann nicht gut, dass mein Kind das spürt? Ist es denn dann der richtige Ort, wenn ich als Mutter schon nicht sicher bin? Wenn ich mein Kind meinen Freunden, meiner Familie und Großeltern anvertraue bin ich nicht unsicher. Ich freue mich. Und das Kind freut sich auch. Vielleicht bedingt sich das gegenseitig, aber warum auch nicht? Ich kann mein Kind nur an einen Ort geben, bei dem ich dahinter stehe, sonst haben Unsicherheit von Kind und Mutter sowieso Berechtigung und sollten hinterfragt werden. Ich glaube außerdem, dass Kinder fest in Kontakt mit sich selbst sind. Sie spüren sich noch. Sie wissen, was ihnen gut tut und nicht alles hängt immer von den Eltern ab. Denn selbst im Waldkindergarten, bei dem ich sehr sicher war, mich freute, nichts hinterfragte und Stärke ausstrahlen konnte, verweigerte er. Obwohl ich gegen seinen Willen wochenlang sehr vehement der Auffassung war, dass es das Richtige ist, wollte er nicht und litt. Es hat also nur bedingt etwas mit unseren eigenen Gefühlen zu tun und vielmehr mit ihren innersten ureigenen Bauchgefühlen und ihrer Intuition. Und diese möchte ich ihm nicht nehmen!

Frage 7: Wer nie einen Kindergarten besucht hat, wird nie seinen Platz in der Gesellschaft finden. Sie lernen ja gar nicht, sich anzupassen und finden dadurch keine Freunde fürs Leben. 

Unsere Antwort: Mein Mann und ich haben beide keinen Kontakt mehr zu einer Menschenseele aus dem Kindergarten, zumal mein Mann auch kindergartenfrei gelebt hat, zumindest bis er fünf war. Wir glauben nicht, dass die jetzigen Freundschaften dafür entscheidend sind, welche Wege man in seinem Leben geht, glauben aber doch sehr wohl an die Freude an Freundschaft und auch an die Dringlichkeit, ab einem gewissen Alter befreundete Seelen um sich zu haben. Dies ermöglichen wir unserem Sohn, indem wir uns einer Gruppe von Eltern und Kindern angeschlossen haben, die kindergartenfrei leben, indem wir die Kontakte zu unseren Freunden mit Kindern pflegen und es sehr fördern und unterstützen, wenn er mit einem bestimmten Kind mehr Zeit verbringen möchte. Er wird Vereine besuchen und Gleichaltrige treffen. Auch ohne Kindergarten. Wir glauben, dass es für ihn wichtig ist, Kontakt zu Gleichaltrigen zu haben, wir glauben aber nicht, dass nur der Kindergarten diese Kontakte ermöglichen kann, sondern wir Eltern in der Lage sind, ein soziales Netz aufzubauen, dass in der Zeit, in der er im Kindergartenalter ist gut funktioniert. Umso älter er wird und umso autonomer die Freundschaften werden, umso mehr ist eine Peergruppe wichtig und sinnvoll und wir glauben, dass er auch mit sechs Jahren genug Anschluss in der Schule finden wird, da die Kinder dieser Schule ohnehin nicht alle aus dem selben Kindergarten sind, sondern die Karten dort neu gemischt werden. Wir glauben auch, dass er seinen Platz in der Gesellschaft suchen und finden wird. Wir haben Vertrauen in ihn und in seine Fähigkeiten. Wir sehen an ihm, dass er kontaktfreudig, kompromissbereit, lustig, offen und herzlich ist und das auch ganz ohne Kindergarten, einfach weil es seinem Naturell entspricht. Soziales Lernen kann also auch außerhalb einer solchen Institution stattfinden und da er als soziales Wesen in diese Gesellschaft geboren wurde, wird er auch bestrebt sein, seinen Platz zu finden und zu seiner Zeit auszufüllen und einzunehmen.

Frage 8:Aber er muss sich ja auch mal abnabeln. 

Unsere Antwort: Ja das muss er. Denn ein 30 jähriger, der noch bei seinen Eltern wohnt, das kann definitiv nicht gesund und nicht das Ziel sein. Wir glauben aber auch, dass ein drei- oder vierjähriger sich noch nicht abnabeln muss, wenn er noch nicht bereit dazu ist (wenn ein Kind dazu bereit ist, umso besser, dann ist das genauso gut!). Wir vertrauen unserem Kind, dass dieser natürliche und für ihn wichtige Schritt von alleine kommen wird, wenn wir ihn nicht unter Druck setzen. Wir glauben nicht, dass er später im Leben besser zurecht kommt, wenn wir ihn jetzt hetzen, sich von uns zu lösen. Er wird größer werden, er wird seine eigene Identität entwickeln und es liegt in der Natur der Sache, dass er sich auch von uns lösen wird. Und wir werden ihn davon nicht abhalten, noch wollen wir ihn unnötig klein halten oder vor der Welt abschirmen. Wir wollen ihm lediglich die Zeit einräumen, die es für ihn braucht, damit er voller Vertrauen in die Welt und mit gefülltem Liebestank bereit ist, sich von uns zu lösen und seinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Wir glauben, dass alles was unter Druck und Zwang zu einem Zeitpunkt geschieht, indem er noch nicht bereit ist für diesen Schritt, nicht zieldienlich ist, sondern ihn in eine Überforderungssituation versetzt. Wir wollen ihn fordern, herausfordern, ihm Dinge zutrauen, aber wir wollen ihn nicht überfordern. Und auf diesem Grad bewegen wir uns, in ständigem Prozess und in dauernder Abwägung, was ihn fordert und was ihn überfordert. Und die Zeit im Kindergarten hat gezeigt, dass es ihn momentan noch überfordert. Wer weiß, wie das in ein, zwei Jahren aussieht. Und auf diesem Gefühl basieren unsere weiteren Entscheidungen. Wir wissen, eines Tages, wird er frohen Mutes in diese weite Welt ziehen und wenn wir Glück haben, werden wir ein paar mal im Monat eine Whatsapp bekommen, dass es ihm gut geht und wir uns keine Sorgen machen müssen 🙂

Frage 9:  Aber er muss doch lernen, dass man durch manche Sachen im Leben einfach durch muss, das Leben ist kein Zuckerschlecken- er muss doch aber auch mal lernen alleine zurechtzukommen, sich zu behaupten, mal Konflikte zu haben und die ohne Mama zu lösen. 

Unsere Antwort: Wir fragen uns bei diesen Aussagen oft, warum denn das Leben eines dreijährigen kein Zuckerschlecken sein darf. Wenn nicht jetzt, wann dann? Warum dürfen wir als Eltern denn nicht einiges abfangen, versuchen, ihnen eine unbeschwerte Kindheit zu schenken? Mit ihnen gemeinsam durch harte Zeiten zu gehen? Wieso glauben wir, dass frühe Frusterfahrungen einen stärken für späteren Frust? Warum soll man so früh wie möglich erleben, wie das so läuft in unserer Gesellschaft? Das ist für mich immer eines der schwierigsten Argumente, weil das bedeutet, dass man davon ausgeht, dass nur schlechte Erfahrungen einen stark machen und dass es im Leben vor allem um eines geht: sich durchzusetzen und zu erleben, dass nicht immer alles toll ist. Wir finden aber, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Wir glauben, dass Kinder, die wenig Frust erfahren viel besser damit umgehen können. Sie lernen, dass es auch schwierige Zeiten im Leben gibt und werden daran stark. Sie haben Kapazität damit umgehen zu lernen und entwickeln mit Zeit und Unterstützung geeignete Strategien. Ein Kind, dass im permanenten Kompromiss lebt, ständig Frust erfährt und daraufhin Wut entwickelt, hat wenig Kapazität mit Enttäuschungen umzugehen. Ebenso sind wir der Auffassung, dass kleine Kinder noch nicht lernen müssen, sich durchzusetzen. Sie müssen noch nicht lernen, dass sie Konflikte alleine lösen, sie müssen überhaupt erst einmal lernen, wie man Konflikte löst. Und dafür braucht es Begleitung. Und Beistand. Und Augenhöhe. Es braucht Erwachsene Menschen, die beobachten, bevor sie eingreifen, wissen, wann sie eine Situation den Kindern überlassen können, aber liebevoll eingreifen, wenn die Kinder aus eigener Kraft den Konflikt nicht gelöst bekommen. Manchmal braucht es Vermittler, die zeigen, wie man gut aus einer Situation hinaus kommt. Die vorleben, wie wir miteinander umgehen und wie gegenseitiger Respekt funktioniert. Lassen wir die Kinder bei jedem Konflikt allein, um ihnen beizubringen, sich durchzusetzen, oder ihnen zu zeigen, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist, zeigen wir ihnen vor allem, dass der Stärkere gewinnt und man nur weiter kommt, wenn man seine Bedürfnisse über die der Anderen stellt und nicht verhandelt. Beides sind für uns keine erstrebenswerten Ziele. Er wird lernen, für sich einzustehen. Er wird lernen, auch mal den Kürzeren zu ziehen, er wird lernen, sich zu behaupten, aber all das darf er in diesen jungen Jahren  mit der Gewissheit von Erwachsenen im Hintergrund lernen, die helfen können, wenn Hilfe angebracht ist und sich zurück ziehen, wenn sie nicht gebraucht werden.

Frage 10: Und wenn er doch mal noch in den Kindergarten möchte? Wie sieht das aus mit der Schulvorbereitung? 

Unsere Antwort: Dann darf er das natürlich. Dies hier ist keine Systemkritik an sich. Dies hier ist keine Ablehnung gegen Einrichtungen per se. Es handelt sich um unseren eigenen Weg, der in Absprache mit unserem Sohn gegangen wird und seine Bedürfnisse stehen in diesem Fall, aus den oben genannten Aspekten, im Vordergrund. Möchte er in den Kindergarten, darf er das tun. Dann schauen wir uns gemeinsam den Waldkindergarten im Dorf an, und wenn er möchte auch den Kindergarten, in den ich früher als Kind schon gegangen bin und gefällt es ihm, darf er bleiben. Auch hier stehen seine Bedürfnisse im Fokus und wenn er gerne in den Kindergarten möchte, werden wir ihn frohen Mutes bringen. So lange er nicht will, darf er bei uns zu Hause bleiben. Da er in eine freie Schule gehen wird, sieht die Schulvorbereitung etwas anders aus (dazu mehr in der Rubrik: Freie Schule). Er wird, wenn er im Vorschuljahr ist, einmal die Woche an die freie Schule gehen und einen Nachmittag gemeinsam mit den anderen Schulanfängern dieser Schule eine Art Vorschule machen. Wie genau das aussieht und was in so einer Schule passiert könnt ihr hier nachlesen: (In Arbeit)

Vielen Dank für eure Zeit. Ich hoffe die eine oder andere Frage konnte gewinnbringend und befriedigend beantwortet werden. Wir haben auf die Bedürfnisse unseres Sohnes reagiert und wissen, dass unser jüngerer Sohn ein anderer Mensch ist und auch auch ihn wollen wir individuell reagieren und eingehen und sind auch hier gespannt auf die Reise mit ihm.

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Wenn ihr wissen wollt, wie unser kindergartenfreier Alltag konkret aussieht, dann schaut in diesem Artikel vorbei: Unser Alltag ohne Kindergarten

Wenn ihr gerne erfahren würdet, was verschiedene Experten wie Gehirnforscher, Lerntheoretiker und Freilerner zum Thema „Kindergartenfrei“ zu sagen haben, dann schaut gerne hier vorbei: (in Arbeit)

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