Thorien, Fachleute und Einflüsse: Was sagt Andre Stern?

In erster Linie war es eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Ein Gefühl, auf wessen Grundlage wir unsere Entscheidung gefällt haben, den Großen aus dem Kindergarten abzumelden.

In erster Linie beruhte die Entscheidung auf intensiven Beobachtungen (Beobachtung ist eine hohe Form der Wissenschaft!) unseres Kindes, sowohl in der Zeit, in der es den Kindergarten besuchte, als auch anschließend und bis heute. Wir beobachten ihn im Alltag, hören in seine Seele hinein, schauen wie er sich verhält, wie er wirkt, wie es ihm geht, ob er entspannt ist oder Frust ansammelt und so weiter.

Umso mehr ich mich mit meinem Bauchgefühl befasst habe, umso wichtiger wurde für mich neben meinen Beobachtungen die Theorie hinter dieser Frage. Wer sagt was? Welche Argumente sprechen dafür, welche dagegen? Was sagen Theoretiker, die mir sehr wichtig sind, wie z.B. Andre Stern, Jesper Juul oder Gordon Neufeld? Was sagen aktuelle Studien und was ist die Meinung von Gerald Hüther? Dies sind Menschen, die ich aufgrund meiner eigenen Auffassung von Kindheit und Elternschaft gerne lese und ihre Meinung hoch schätze. Daher wird dieser Artikel auch ein einseitig beleuchteter sein.

Mein Sohn geht nicht mehr in den Kindergarten und wird es voraussichtlich auch nicht mehr tun und eine Abhandlung darüber, was die Nachteile sind, wäre für unsere Situation weder gewinnbringend, noch zieht es bisher für uns persönlich Nachteile mit sich. Daher wird hier im Folgenden vor allem aus Büchern zitiert, deren Autoren unsere Entscheidung bekräftigen und aus einem für uns wohlwollenden Blickwinkel beleuchten. Wer daran Interesse hat und nach einer theoretischen Legitimation für ein kindergartenfreies Leben sucht, der ist hier genau richtig.

Ich sage es immer wieder, wer glücklich und zufrieden mit einem anderen Weg ist, für den bin ich mit froh und dankbar, der wird hier auf diesen Seiten allerdings wenig für ihn gewinnbringendes finden, daher an alle, die das Thema kindergartenfrei interessiert, hier lasse ich einen für mich auf diesem Weg sehr wichtigen Menschen zu Wort kommen.

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Was sagt Andre Stern?

Aus Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben:

  • „Wir erwarten von Anfang an von Kindern, dass sie Fortschritte machen und somit den Blick auf das Werden richten. Dabei vergessen wir und sie, den Blick auf das Sein zu behalten.“
  • „Man muss das Spiel ernst nehmen, denn es gibt nichts Besseres, um zu lernen“.
  • „Was ist das Erste, was ein Kind tut, sobald man es in Ruhe lässt? Es spielt. Das wissen wir, ohne über die Antwort nachdenken zu müssen. Und wenn man das Kind dabei nicht unterbräche, würde es… …immer spielen! Warum also unterbrechen wir das spielende Kind immer wieder?“
  • „Beobachten Sie die unglaubliche Ernsthaftigkeit des Kindes beim freien Spielen. Seine Ausdauer, seine unendliche Konzentrationsfähigkeit, seine Fähigkeit, über seine eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Das alles hat es aber bei auferlegten Tätigkeiten nicht.“
  • „Man setzt voraus, dass nur die Schule, nur die Universität Wissen schaffen können. Eine Qualifikation, die sich an Institutionen misst, zählt mehr, als die tatsächliche Kompetenz.“
  • „Nicht ihr habt versagt, sondern das System, welches euch Aufgaben in einer Weise und einer Menge auferlegt hat, die eurem Begeisterungspotenzial nicht entsprachen.“
  • „Wenn Kinder spielen, leben sie ihr „divergent thinking“ aus. Wenn sie dabei ungestört bleiben, verlieren sie ihre bewertungsfreie Überzeugung nicht, dass sie gerade die richtige Person am richtigen Ort zur richtigen Zeit sind. Ihre Welt ist dabei verstehbar, gestaltbar und sinnhaft.“
  • „Dem Spiel selbst scheint eine ureigene Didaktik innezuwohnen.“
  • „Wenn man Kinder in ihrem Element, dem Spiel, lässt, sind sie ausnahmslos genial.“
  • „Mit der Zeit verzichtet ein Kind dann immer auf die eigenen Impulse und Prozesse und übernimmt die, die man ihm auftischt, weil genau diese bei seinen Eltern oder anderen Bezugspersonen gut ankommen. Anstatt festzustellen, wie viele neue, unerwartete Dinge das kleine Kind täglich in sich aufnimmt, statt von der Voraussetzung auszugehen, dass das Kind die Dinge so will oder braucht, wie sie gerade sind, meinen die meisten Menschen, dass das Kind eben noch nicht fähig ist, sie besser zu gestalten.“
  • „Jedes Kind ist genial, dort, wo es sich begeistern kann. Es gilt also nicht, seine Genialität anhand von vorgefertigten, akademischen oder anderen etablierten Kriterien zu messen. Es geht darum, dass jedes Kind in seiner Einzigartigkeit gesehen und wertgeschätzt wird- dann wird es sich auch entwickeln.“
  • „Wie kann man glauben, dass eine Sozialisierung stattfindet, indem man Kinder desselben Alters in einem hermetischen Klassenverband Konkurrenzdenken und Leistungsdruck aussetzt? Man denkt immer, dass Kinder sich mit Kindern identifizieren. Sie identifizieren sich aber nicht mit einem Ghetto, sondern mit dem ganzen Team, das sie sehen. Ihre Peergroup ist die Menschheit, mit all ihren Verschiedenartigkeiten“.
  • „Wenn das Kind gewürdigt und nicht gestört wird, bleibt dieser Zustand der unendlichen Neugier, des bedingungslosen Vertrauens, der unbeirrbaren Aufmerksamkeit, der totalen Aufgeschlossenheit erhalten.“
  • „Wir sind die einzige Spezies, die ihre Kinder weckt.“
  • „Ich habe in ständigem Austausch mit anderen Menschen gelebt, manche waren jünger, manche älter. Die gegenseitige Bereicherung ergab sich gerade aus diesem vielfältigen und kosmopolitischen Umfeld. Ich durfte meine Freunde wählen, so wie auch sie mich gewählt haben. Das Leben, unsere Wege, Interessen und Fähigkeiten führten uns zusammen- Wahlgemeinschaften also. Gemeinschaften aus Gemeinsamkeiten.“
  • „Stress ist nicht angeboren. Stress wird uns beigebracht.“
  • „Nein, wir werden nicht immer Kinder bleiben, aber wenn die Entwicklung eine kontinuierliche aus den Veranlagungen des Kindes stammende ist, entstehen daraus andere „Erwachsene“.
  • „Nicht Abnabelung, sondern Bindung ist Autonomiefaktor Nummer eins.“

 

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Andre Stern spricht in seinem Buch „Spielen um zu fühlen, zu lernen und zu leben“ vor allem über das freie, kindliche Spiel. Natürlich könnte man nun sagen, dass auch im Kindergarten die Kinder spielen. Das ist richtig. Kinder spielen, wann immer man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. In unserem Fall war es aber so, dass wir unseren Sohn permanent aus seinem für ihn sehr wichtigen, existenziellen Spiel herausgerissen haben. Spielte er am morgen, musste er es für den Kindergarten unterbrechen. Im Kindergarten selbst musste er sein Spiel, wenn er wieder hinein gefunden hatte, für den Morgenkreis, das Frühstück oder den gemeinsamen Toilettengang unterbrechen. Und das fiel ihm schwer. Das teilte er uns mehrmals mit. Und wir selbst empfanden es auch als schwierig, ihn morgen für morgen aus seinem vertieften Spiel zu reisen, statt einen Zeitpunkt zu wählen, in dem er Leerlauf hat und bereit ist, in den Tag zu starten. Mittlerweile spielen morgens beide Jungs lange Zeit versunken vor sich hin, bevor sie in Interaktion miteinander und später mit mir treten. Wir verlassen in der Regel nie vor 10 Uhr das Haus, weil sie bis dahin glücklich und zufrieden in ihre Spiele vertieft sind. Andre Sterns Sicht auf die Welt und seine Erfahrungen bestätigten uns in unserem Gefühl, unserem Sohn noch eine Weile die Eile und Hektik aus seinem Alltag fernzuhalten und ihn in seinem persönlichen Tempo in seinen Spielen zu unterstützen. Jedes Elternteil wird sich hier eigenen Gedanken machen und Schlüsse ziehen, wir haben uns für diesen, unter anderem von Andre Stern geprägten, Weg entschieden und genießen diese Morgende sehr.

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„In dieser Gesellschaft, die momentan einen täglich schnelleren, höheren, leistungsorientierteren Lebensstil predigt, erleben wir eine Eskalierung der pädagogischen Absichten und eine Vermarktung der Kindheit. Unsere letzte Freiheit bleibt es aber, uns zu verändern, Überzeugungen zu haben und danach zu leben. Abrüsten und eine Rückkehr zum Wesentlichen beginnen mit unserer Haltung dem Kind gegenüber: Weniger ist mehr. Weniger Ironie. Weniger Material. Weniger „angepasstes“ oder „vorbereitetes“. Weniger Absicht. Mehr Authentizität. Mehr Gemeinsamkeit. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Vertrauen. Wer sollte damit anfangen, wenn nicht wir?“ (Andre Stern)

 

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